Sich freiwillig beugen
Ich habe zwei Jahrzehnte lang sehnsüchtig und dickköpfig eine Abkürzung zur Erleuchtung gesucht. Ich hatte in einigen gnadenvollen Gipfel-Erfahrungen einen Geschmack davon erhascht, wer ich wirklich bin. Nun wollte ich nur noch eines: Für immer in diesem Ozean der Liebe aufgehen.

Es war eine harte Zeit, besonders für meine Umgebung. Denn ich begegnete jeder banalen, menschlichen Erfahrung mit Verachtung. Da es viele davon gab, wurde ich immer ungeduldiger und wütender. Worte wie Disziplin und Demut konnte ich nicht hören. Ich wollte alles und ich wollte es jetzt. Meine hartnäckigen Versuche, jetzt und hier den Kippschalter der Erleuchtung zu finden und alles verstanden haben zu wollen, entsprangen einer sehr eigennützigen und narzisstischen Motivation. Ich wollte die Phase des Holzhackens, des Dienens und der Meisterschaft überspringen.
Momentane Gipfelerfahrungen, die uns einen Geschmack unserer ESSENZ vermitteln, sind unermesslich wertvoll. Sie leiten unsere zweite Geburt ein, erwecken das Feuer der Sehnsucht und beschleunigen unsere Evolution. Gleichzeitig ist es wesentlich, demütig den Übungsraum zu akzeptieren, in den das Leben dich stellt.
Ken Wilber beschreibt in seinem Roman „Boomeritis“ brillant, humorvoll und gleichzeitig gnadenlos genau die letzten zwei Generationen der Wohlstandsgesellschaft, die vehement versuchen, bereits weiter zu sein als sie sind, um ungelöste Konflikte mit Autoritäten, mit Disziplin, Integrität, etc. zu überspringen. In seiner Beschreibung erkannte ich mich peinlich berührt wieder und empfand dennoch eine frohe Erleichterung ob der Entlarvung.
Vor der Auflösung im Ozean der Liebe wartet die Lektion der Exzellenz und davor die Lektion der Bereitschaft auf uns.
Bereitschaft

Bereitschaft bedeutet, die Phasen des Trotzes und der Gier hinter dir zulassen und deinen selbstgefälligen Narzissmus abzustreifen. In dieser Phase musst du dir nicht mehr ständig einreden, kurz vor dem Abitur in Lebenskunst zu stehen, sondern erfreust dich an deiner tatsächlichen Klassenstufe.
Es macht Spaß, mit Menschen zu arbeiten, die sich in der Ebene der Bereitschaft befinden. Sie sind neugierig, lernwillig und aufgeschlossen gegenüber Feedback.
Wenn du hier angekommen bist, hörst du auf, nur nach dem schnellen Kick zu suchen. Du lernst auch die Plateauphasen des Lebens schätzen, in denen es scheinbar nicht vorwärts geht. Du entwickelst eine tiefe Dankbarkeit für das, was du bereits erreicht hast. Die Fähigkeit, die Gegenwart freudvoll zu genießen, macht dich zu einem angenehmen Zeitgenossen und die Bereitschaft, dort zu dienen, wo es wirklich gebraucht wird, zu einem guten Teamplayer. Alles, was noch kommt, ist ein Extra oben drauf. Anmaßung liegt dir fern. Es ist dir klar, dass es noch viel zu lernen gibt.
Irgendwann ruft dich die Phase der Exzellenz.
EXZELLENZ
Die Ebene der Exzellenz ruft dich, wenn du von einem Metier, einer Mission, einem Beruf, einer Aufgabe gefunden wirst, die dir so heilig sind, dass du nicht anders kannst, als darin nach Vollkommenheit zu streben.

Das bewusste Streben nach Exzellenz beinhaltet ein Paradox. Obwohl du weißt, dass es unmöglich ist, den Zustand der Perfektion zu erreichen, versuchst du es. Dein Anliegen konzentriert alle deine Kräfte auf einen Punkt. Exzellenz sammelt und formt dich. Sie siebt das Unreine aus und schmiedet dich. Sie schult dich im wachen Warten und freudvollen Üben.
Dies ist auch die Ebene der Meisterschaft. Egal, wie du dich fühlst, du erscheinst jeden Tag auf der Übungsmatte. Du bekommst vom Leben mehr Verantwortung übertragen. Dein Leben gehört nicht mehr nur dir. Dienen ist ein natürlicher Seinszustand geworden.
Obwohl dir bewusst ist, dass auf der absoluten Ebene nichts, was du tust, zählt, gibst du alles, was du weißt, hast und bist, in deinen nächsten Schritt. Du lernst in diesem Abschnitt der Reise, deine Kreisläufe vollendet zu halten. Es geht dir weniger darum, irgendwohin zu kommen, als durch die Art, wie du den Schritt setzt, die Existenz zu ehren.
Exzellenz ist eine Trainingsphase, in der Respekt und Achtung reifen. Du entwickelst einen Sinn für Schönheit und Meisterschaft – in Bauwerken, in Dienstleistungen, Kunstwerken und im Sport. Selbst wenn es nicht deinen Interessen oder Werten entspricht – achtest du Exzellenz, wo auch immer sie dir begegnet und lernst von ihr. Allein das Beobachten einer exzellenten Geste löst anerkennende Freude in dir aus.
Demut ist ein natürliches Nebenprodukt, denn je mehr du dich der Meisterschaft verpflichtest, desto deutlicher erkennst du die unvollkommenen Aspekte deines Lebens.
Exzellenz trennt das Wesentliche vom Unwesentlichen. Menschen in dieser Phase sind kristallklar bis zur Unhöflichkeit. Sie haben keine Zeit für Spiele.
Exzellenz lehrt dich, den Eigenwillen aufzugeben. Deine konzentrierte Willenskraft bringt dich bis an die Mauer der Hingabe. Sie ist unsichtbar und für dich dennoch unüberwindbar. Du weißt genau, was auf der anderen Seite ist. Dir ist klar, dass du diesen letzten Schritt nicht aus eigener Kraft setzen kannst. Gnade ist es, die dich dahin führt, wonach sich dein ganzes Wesen so sehnt. Du legst dein Schwert des Willens ab an der Mauer der Hingabe, gehst in die Knie und wartest. Während du wartest, übst und dienst du weiter. Was sonst solltest du tun?
Du hast in der Phase der Exzellenz gelernt, nicht einzuschlafen, wenn nichts „besonderes“ passiert. Du bist wach. Sehr wach. Du lauschst. Dein ganzes Wesen wartet auf deinen Aufruf. Auf den Moment, wenn die Gnade dich nimmt.
Solange es nicht geschieht, dienst du.
Und wenn es geschieht, dienst du.
Dein Leben gehört nicht mehr dir.
Es gehört dem Leben.
